Ein treibhausgasneutrales Europa, unabhängig von fossilen Energieträgern, ist möglich
Europa kann bis 2050 treibhausgasneutral werden. Dazu muss sich aber die Struktur der Energieversorgung grundlegend ändern. Eine Systemanalyse des Forschungszentrums Jülich beschreibt, wie es gehen kann: mit Strom aus erneuerbaren Quellen als wichtigstem Energieträger, einem extremen Rückbau der Nutzung fossiler Brennstoffe und einer strategischen Gestaltung neuer Abhängigkeiten.
Der Titel der Studie „Breaking Free from Dependencies?“ (Sich von Abhängigkeiten befreien) impliziert die Verringerung der Abhängigkeit von Erdöl- und Erdgasimporten, die sich aus der steigenden Nutzung regenerativer Energien ergibt. Wie notwendig das ist, zeigt sich anhand der aktuellen geopolitischen Situation mit den massiven Einschränkungen der Straße von Hormuz und der Meerenge Bab-el-Mandeb, die zu deutlichen Preissteigerungen für fossile Brennstoffe geführt hat.
Die Verringerung der Abhängigkeit von fossilen Energieträgern steht auch ganz oben auf der Liste der wichtigsten Erkenntnisse: Treibhausgasmobilität reduziert die mit Importen verbundenen Risiken, also auch das Risiko der Preisunsicherheit.
Modellierung mit ETHOS
Die Studie wurde mithilfe der am Programmsuite ETHOS (Energy Transformation PatHway Optimization Suite) erstellt, die Gesamtenergiesysteme techno-ökonomisch systematisch synthetisieren, analysieren und hinsichtlich der Kosten unter CO2‑Restriktionen optimieren kann.
Mithilfe von ETHOS wurden drei Szenarien gegenübergestellt:
- Business as usual (BAU), d.h. die Energieversorgung Europas beruht nicht nur hauptsächlich auf fossilen Energieträgern, sondern es wurden auch schon erreichte Veränderungen auf der Basis der aktuellen Klimapolitik zurückgenommen. Diese Version entspricht also nicht der offiziellen Klimapolitik der EU oder der einzelnen Länder.
- Net Zero 2050: das Ziel der Treibhausgasneutralität bis 2050 gemäß der aktuellen EU-Klimapolitik wird umgesetzt.
- Net Zero 2070: die Frist bis zum Erreichen der Treibhausgasneutralität wird um 20 Jahre verlängert, d.h. entsprechende Maßnahmen zur Transformation von einer fossilbasierten Energieinfrastruktur auf Elektrifizierung und emissionsfreie Brennstoffe werden langsamer umgesetzt.
Für diese drei Szenarien wurden ihre Auswirkungen im Zeitraum von 2030 bis 2050 analysiert:
- Welche Anteile haben verschiedene Energiequellen am europäischen Energiemix, bezogen auf die Strommenge und auf die installierten Kapazitäten?
- In welcher Menge müssen fossile Energieträger, Uran und Ammoniak importiert werden?
- Welche Kosten verursachen diese Importe und wie sieht die Lage bei plötzlichen Preisanstiegen für Öl und Gas um 50 % aus?
Die Ergebnisse der Modellierungen zeigen im Kern, dass die Dekarbonisierung des Energiesektors, verbunden mit der Diversifizierung der Energieerzeugung, Speichermöglichkeiten und leistungsfähigen Netzen, zu resilienteren und wirtschaftlicheren Energiesystemen führt.
Und die Frage, ob es günstiger sei, die Transformation zu verlangsamen, indem man das Net-Zero-Ziel von 2050 auf 2070 verschiebt, wird eindeutig verneint, denn damit würden zwar Investitionen und Anpassungen verschoben, die Phase wirtschaftlicher Belastungen, die mit dem Umbau verbunden sind, aber auch entsprechend verlängert.
Nicht weniger, aber andere Abhängigkeiten
Die Transformation verringert die Abhängigkeit von fossilen Energieträgern und die Kosten für deren Importe deutlich: von rund 240 Mrd. € pro Jahr im BAU-Szenario auf etwa 26 Mrd. € im Netto-Zero-Szenario. Aber das heißt nicht, dass keine Importe von alternativen Energieträgern wie Wasserstoff oder alternativen Brennstoffen, aber auch von elektrischem Strom stattfinden. Das hängt von den Finanzierungskosten europäischer Projekte und künftigen Importpreisen ab.
Bei den Rohstoffen, die nicht Energieträger sind, können jetzt schon bestehende Abhängigkeiten von Stahl, Kupfer und Zement, aber insbesondere von kritischen Rohstoffen verstärkt werden. Denn der Bedarf an derartigen Materialien für den Bau der benötigten Infrastruktur ist hoch. Hier geht es nach Angabe der Studienautor:innen darum, dass diese Abhängigkeiten strategisch gestaltet werden, sodass Risiken verteilt werden können.
„Unsere Studie zeigt, dass die Energiewende Europas Abhängigkeiten nicht einfach beseitigt, sondern grundlegend verändert. Europa kann seine Abhängigkeit von Öl und Gas deutlich verringern und sich besser gegen Preisschocks schützen. Dafür müssen wir jedoch Netze, Speicher und erneuerbare Energien konsequent ausbauen und neue Abhängigkeiten bei Rohstoffen und Technologien vorausschauend gestalten.“
Prof. Jochen Linßen, Mitautor der Studie und kommissarischer Leiter des Institute of Climate and Energy Systems – Jülicher Systemanalyse am Forschungszentrum Jülich
Die Quadratur des Kreises hinbekommen
Die Studie wurde am 1. Oktober 2026 im Rahmen des Europäischen Symposiums „Squaring the Circle: The Future of the EU Energy System – Net-Zero, Resilient & Competitive?“ in der NRW-Landesvertretung in Brüssel vorgestellt. Fachleute aus europäischen Institutionen, Forschung und Wirtschaft diskutierten dort die politischen und wirtschaftlichen Konsequenzen der Ergebnisse.
„‘Squaring the Circle‘ befasst sich mit dem Umbau der europäischen Energieversorgung und Energieverteilung. Dabei müssen die scheinbar widersprüchlichen Anforderungen an Bezahlbarkeit, Versorgungssicherheit und Resilienz miteinander in Einklang gebracht werden – auf klimafreundliche und gesellschaftlich gerechte Weise. Die neueste Studie der Jülicher Systemanalyse untersucht gangbare Wege für diesen Umbau, Möglichkeiten zum Abbau von Abhängigkeiten und verlässliche Lieferketten.“
Prof. Pieter Jansens, seit 2023 Mitglied des Vorstands des Forschungszentrums Jülich und zuständig für Energie, Klima und Bioökonomie








