Wie ein weltweites Plastikabkommen noch zu retten ist

Das globale Plastikabkommen, das nach dem Plan der UN-Umweltversammlung UNEA bereits im Jahr 2024 verabschiedet sein sollte, steckt in der Sackgasse. Dieses ist das ernüchternde Resultat der jüngsten und mittlerweile sechsten Versammlung des zwischenstaatlichen Verhandlungskommittees (INC), das im August 2025 stattfand und dieses Abkommen aushandeln sollen. Vier Helmholtzwissenschaftler:innen, die als offizielle Beobachter und Beratende der deutschen Delegation an INC-Konferenzen teilgenommen haben, fordern nun eine Reformierung des Verhandlungsprozesses.
Dr. Paul Einhäupl und Linda Del Savio vom Forschungsinstitut für Nachhaltigkeit (RIFS), Dr. Melanie Bergmann vom Alfred-Wegener-Institut und Prof. Annika Jahnke vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung legten in einem Kommentar, der im Februar 2026 in der Zeitschrift Nature erschienen ist, dar, wo die Schwächen der bisherigen Verhandlungen lagen und was sich aus ihrer Sicht ändern muss, damit das globale Plastikabkommen doch noch Wirklichkeit werden kann.
Alarmierende Zahlen
Die Bilder über das Ausmaß der Umweltverschmutzung weltweit sind zahlreich und alarmierend. Die Autor:innen geben dazu Zahlen aus einer Studie von 2020 an:
Insgesamt wurden weltweit zwischen 1950 und 2017 etwa 9,2 Millarden Tonnen Kunststoffe produziert. Davon sind aktuell etwa 2,9 Mio. t in Gebrauch, davon etwa 700.000 Tonnen Recyclatkunststoffe. Die im selben Zeitraum angefallene Menge an Plastikmüll beträgt etwa 7 Mrd. Tonnen, von denen ca. 12 — 13 % verbrannt wurden und etwa 5,3 Mrd. Tonnen deponiert.
Die Autor:innen gehen davon aus, dass durch die Kunststoffproduktion allein etwa 5 % der weltweiten Treibhausgasemissionen entstehen.
Große Anteile der Kunststoffabfälle sind in der Umwelt mobil, etwa weil sie leicht und voluminös sind wie Flaschen oder Folien und deshalb durch Wind und Wasser über weite Strecken transportiert werden können. Exporte von Plastikabfällen aus Industrieländern, beispielsweise aus der EU in verschiedene asiatische Länder, führen außerdem dazu, dass manche Küsten- und Inselstaaten überproportional an dieser Verschmutzung zu leiden haben.
Warum die Einigung so schwierig ist
Das globale Plastikabkommen soll den gesamten Lebenszyklus von Kunststoffen abdecken, von der Produktion, über den Transport und die Verwendung bis zur Abfallbehandlung und zum Recycling. Genau dieser umfassende Ansatz ist Teil des Problems:
„Die Berücksichtigung des gesamten Lebenszyklus von Kunststoffen macht die Verhandlungen über ein globales Kunststoffabkommen besonders schwierig und verdeutlicht, wie stark aktuelle Umweltprobleme mit gesellschaftlichen Fragen verflochten sind“, meint der Hauptautor des Nature-Artikels, Dr. Paul Einhäupl.
Eine Schwierigkeit besteht beispielsweise darin, dass die Positionen, welche die teilnehmenden Nationen einnehmen, durch ihre jeweils eigene Wirtschaftsstruktur geprägt sind: Länder, deren Wirtschaftskraft stark von Erdöl und Erdgas abhängen, den noch wichtigsten Rohstoffen der Kunststoffindustrie, haben zwar ein Interesse daran, das Abfallmanagement zu regulieren, nicht aber die Produktion. Zu diesen Ländern gehören USA, Russland und die arabischen Staaten. Die EU-Länder, Canada und Norwegen versuchen eher, ihre eigenen ehrgeizigen Standards in eine globale Vereinbarung einzubringen. Damit können sich ihnen langfristig auch externe Märkte für Produkte und Technologien öffnen, die mit hohen Standards für Umwelt- und Gesundheitschancen vereinbar sind oder bei ihrer Erreichung helfen.
Die ärmsten Länder, die nicht von der Kunststoffindustrie profitieren, aber überproportional an der Vermüllung von Stränden und Gewässern zu leiden haben, unterstützen die Regulierung des gesamten Lebenszyklus von Kunststoffen, einschließlich der Regulierung der chemischen Zusammensetzung und der finanziellen Unterstützung für Sammlung und Recycling von Abfällen.
Und nicht zuletzt hat die Lobby der Petroindustrie mit zahlreichen Repräsentanten während der Verhandlungen das Ihre getan, um etwaige Beschränkungen für die Kunststoffproduktion zu verhindern.
Die Mitautorin Dr. Melanie Bergmann (AWI) sagt: „Die Trennung der Verhandlungen über zentrale Themen wie die Begrenzung der Kunststoffproduktion und die Finanzierung der Abfallwirtschaft macht es leicht, traditionelle Geber- und Empfängerländer gegeneinander auszuspielen. Dabei sind diese beiden Themen eng miteinander verknüpft: Je mehr Kunststoffe produziert werden, desto mehr Infrastruktur wird benötigt. Dies wurde genutzt, um die Gegensätze zu verstärken, statt die Positionen der Parteien auf eine Einigung hin anzunähern.“
Wiederbelebung der Verhandlungen durch drei wesentliche Änderungen
Die Autor:innen setzen ihre Hoffnung auf Julio Cordano. Der chilenische Diplomat wurde am 7. Februar 2026 zum neuen Vorsitzenden des INC gewählt.
Sie fordern die Umsetzung folgender Punkte, um doch noch zu einer Einigung unter den Staaten zu kommen:
- Priorisierung und Reihenfolge: Entscheidung über die wichtigsten Themen und deren Prioritäten auf Ebene der Delegationsleiter:innen, um den Entscheidungsprozess entlang von Zielen und Meilensteinen auszurichten anstatt eines festen Zeitplans.
- Klarheit der Verfahren: Einführung klarer Verfahrensregeln, um Verzögerungen durch Ablenkungsdebatten zu vermeiden, einschließlich Leitlinien für die Ausarbeitung und Dokumentation von Vereinbarungen aus informellen Sitzungen und die Beilegung von Uneinigkeiten.
- Mehrheitsbeschluss: Stärkung der Möglichkeiten zur Erzielung eines Konsenses durch Einführung eines Mechanismus für Mehrheitsbeschlüsse unter konkreten Voraussetzungen und Regeln, beispielsweise wenn eine breite Unterstützung für eine Maßnahme besteht, aber eine Minderheit den Fortschritt blockiert.




