Unterirdische CO₂-Speicherung: Wie weit sind die europäischen Länder?
Nachdem Bundestag und Bundesrat im November 2025 den Weg frei gemacht haben für die unterirdische Speicherung von CO2 unter dem deutschen Festlandsockel, lohnt sich ein Blick auf die wichtigsten CSS- Projekte in den europäischen Ländern.
Ab 2030 mindestens 50 Millionen Tonnen CO2 pro Jahr gewinnen
Bereits im Februar 2024 wurde die Europäische Strategie zum industriellen CO2-Management (European Industrial Carbon Management Strategy (ICM) ) veröffentlicht. Demnach soll es bis 2030 möglich sein, mindestens 50 Millionen Tonnen CO2 einzufangen. Die Investitionskosten für die Anlagen zur CO2-Gewinnung werden mit 3 Mrd. Euro abgeschätzt, für die Transportinfrastruktur werden außerdem noch weitere 6,2 — 12,2 Mrd. Euro gebraucht [1].
Großprojekte in Bau oder Betrieb
In Dänemark, den Niederlanden, Norwegen und in Großbritannien befinden sich aktuell schon großtechnische CCS/U-Projekte in unterschiedlichen Baustadien oder sogar schon in Betrieb.
Norwegen
Das Longship-Programm (Langskip) in Norwegen umfasst als erste Initiative die komplette Wertschöpfungskette für die Gewinnung (Capture), den Transport und die Lagerung industrieller CO2-Emissionen. Im Juni 2025 wurde am Standort der Zementfabrik Brevik von Heidelberg Materials eine Anlage zur CO2-Abtrennung aus den Prozessgasen der Zementherstellung und anschließenden Kompression und Lagerung eröffnet. Seit Inbetriebnahme kann das Unternehmen erstmalig klimaneutralen, d.h. CO2-emissionsfreien Zement anbieten. Die Jahresmenge an CO2, die an diesem Standort gewonnen wird, wird mit etwa 400.000 t angegeben.

Die CCS-Anlage am Standort Brevik/Norwegen von Heidelberg Materials. Quelle: https://www.brevikccs.com/en
Das in Brevik gewonnene CO2 wir per Schiff zum Terminal Øygarden transportiert. Dort wird es in Tanks zwischengespeichert, bevor es durch eine Pipeline zur Injektionsbohrung und von dort in ein Reservoir unter dem Meeresspiegel transportiert wird. Verantwortlich für Transport und Lagerung des CCS ist das Dienstleistungsunternehmen Northern Lights.
Im Rahmen von Longship soll noch ein zweites Industrieunternehmen CO2 für die Lagerung vor Øygarden liefern, in einer Größenordnung von 350.000 Tonnen pro Jahr. Die Bauarbeiten für die CO2-Gewinnung am Standort des Energieunternehmens Hafslund in Oslo wurden aber im Jahr 2023 zunächst aus Kostengründen gestoppt. Nach einer umfassenden Kostensenkungsphase und der Neuverhandlung über staatliche Förderung wurde das Projekt nun aber wieder aufgenommen.
Dänemark
Das Projekt Greensand in Dänemark ist das erste Großprojekt für CCS in einem EU-Land. Betreiber ist der Energiekonzern Ineos. In der ersten kommerziellen Ausbaustufe („Greensand Future“) wird das CO2 in dänischen Produktionsanlagen für Biogas bzw. Biomethan gewonnen. Das verflüssigte Treibhausgas wird zum Terminal Esbjerg gebracht, dort zwischengelagert und mit Hilfe eigens dafür gebauter Tankschiffe zu den Siri/Nini-Feldern transportiert, wo es in ein unterirdisches Reservoir verbracht wird. Im Mai 2025 wurde das erste dieser Schiffe, der „Carbon Destroyer 1“, getauft und zu Wasser gelassen (s. Bild).

„Carbon Destroyer I“ ist das erste Tankschiff, das verflüssigtes CO2 zur Injektionsstelle für den Gasspeicher unter dem Meeresboden transportiert.
Nach Angaben von Ineos zielt Greensand Future zunächst darauf ab, etwa 400.000 Tonnen CO2 pro Jahr sicher abzuscheiden und dauerhaft zu speichern. Bis 2030 soll dann die Speicherkapazität schrittweise erweitert werden, wenn die CO2-Mengen zunehmen, mit einem Potenzial von bis zu 8.000.000 Tonnen CO2 pro Jahr.
Greensand soll nicht nur CO2 aus dänischen Industriequellen, sondern zukünftig auch Gasmengen aus schwedischen Quellen verarbeiten.
Großbritannien
Großbritannien hat sich das ehrgeizige Ziel gesetzt, bis 2030 jährlich 20 bis 30 Millionen Tonnen CO₂ abzuscheiden, unterstützt durch bis zu 22 Milliarden GBP an staatlichen Fördergeldern. Vier große CCU/S-Cluster sind geplant [1]:
- HyNet: Dieses Projekt beinhaltet die zwei Pfeiler CO2-Abtrennung und Wasserstoffherstellung einschließlich der Infrastruktur für Transport und Speicherung beider Gase. Die Produktion von Wasserstoff geschieht unter Verwendung von Erdgas bzw. Methan. Parallel dazu soll die Gewinnung von CO2 aus Unternehmen der Schwerindustrie im Nordwesten Englands und in Wales vorangetrieben werden. Dieses Gas soll über unterirdische Pipelines in Gaskavernen der Liverpool Bay verbracht werden. Dort hat die über 25 Jahre währendes Erdgasentnahme Leerräume hinterlassen, die nun mit CO2 gefüllt werden sollen. Das System soll etwa 2030 betriebsbereit sein, die angestrebte Speicherkapazität für CO2 beträgt 4,5 Millionen Tonnen pro Jahr.
- Im East Coast Cluster (ECC) haben sich zwei benachbarte Industrieregionen im Nordwesten Englands zusammengetan, um gemeinsam bis 2027 eine CO2-Speicherkapazität unter der Nordsee in Höhe von jährlich 23 Millionen Tonnen bis 2035 bereit zu stellen. Die Cluster-Region, auch bekannt als Britanniens „historische Maschinenhalle“, ist benannt nach den Mündungen der beiden Flüsse Humber und Teesside. Sie beheimatet wichtige Schwerindustriestandorte (u.a. Petrochemie, Energiekonzerne, energieintensive Produktionsanlagen) und zwei große Häfen (Hull, Middlesbrough). Vor der Küste befinden sich große Windparks. Die ersten Projekte in diesem Cluster sollten NZT Power, H2Teesside and Teesside Hydrogen CO2 Capture sein. Im Dezember 2025 wurde aber bekannt, dass der BP-Konzern das H2 Teesside-Projekt gestoppt hat, weil er sich nicht einig werden konnte mit dem Eigentümer des für die Anlage vorgesehenen Grundstücks. H2 Teesside sollte eine Großanlage zur Herstellung blauen Wasserstoffs und CO2-Abscheidung werden. Wie es mit ECC weitergeht, werde ich wir für Sie verfolgen.
- Viking CSS: Dieses Projekt ist ebenfalls in der Humber-Region angesiedelt, wo das CO2 aus diversen lokalen Industriequellen eingesammelt und über eine Pipeline zu einem Reservoir im Viking-Feld der britischen Nordsee verbracht werden soll.
- Beim Acorn-Projekt handelt es sich um das größte Projekt zur Reduktion industrieller CO2-Emissionen auf schottischen Gebiet. Durch die Wiederverwendung der Energieinfrastruktur aus der Öl- und Gasindustrie sollen die aus der Industrie abgeschiedenen CO2-Emissionen sicher und dauerhaft in Gesteinsformationen tief unter der Nordsee gespeichert werden. Acorn würde einen der ausgereiftesten und am besten erforschten geologischen CO2-Speicherorte Großbritanniens nutzen, der sich mehr als 100 km vor der Nordostküste von Aberdeenshire und 2,5 km unter dem Meeresboden der Nordsee befindet.
Niederlande
Die niederländischen Projekte Portos und Aramis zielen auf die Gewinnung und Speicherung von CO2 aus Zementwerken, Raffinerien, der Chemieindustrie und Müllverbrennungsanlagen ab. Schon in diesem Jahr sollen im Rahmen des Projekts PORTOS etwa 2,5 Millionen Tonnen CO2 pro Jahr aus industriellen Quellen im Hafen Rotterdam über eine Offshore-Pipeline in leere Gasfelder 20 km vor der Nordseeküste transferiert werden. CO2-Lieferant ist unter anderem die Shell-Raffinerie im Hafen von Rotterdam. Die Raffinerie gründete im November 2025 mit dem Unternehmen Linde, dem Betreiber der CO2-Kompressoren, einen e-Hub zur Sicherung der Stromversorgung für die Gaskompression und den zukünftigen Transport.
Das Projekt ARAMIS ist noch nicht so weit fortgeschritten. Kern des geplanten Unternehmens ist ein CO2 Collection Hub in Maasvlakte, einem Industrie- und Hafengebiet in Rotterdam. Dort trifft das von Industrieunternehmen gewonnene und komprimierte Gas entweder über Landpipelines ein, wird komprimiert und ggfs. zwischengelagert, oder es gelangt mit Schiffen über das CO2next – Terminal zum Hub. Der Weitertransport zu den Injektionsstellen geschieht auch über Offshore-Pipelines. Nach heutigem Stand soll die finale Investitionsentscheidung in diesem (2026) oder dem kommenden Jahr getroffen werden, mit der Inbetriebnahme wird für 2030 gerechnet. Die finale Transport- und Speicherinfrastruktur soll dann über eine Kapazität von 22 Millionen Tonnen CO2 pro Jahr verfügen.
Geplante Projekte in Deutschland
In Deutschland sind drei Großprojekte für die Zement- und Kalkindustrie in der Planung, die aus dem EU-Innovationsfond gefördert werden:
Im Projekt GeZero will Heidelberg Materials das erste deutsche Zementwerk in Binnenlage bauen, in dem CO2 abgeschieden und gespeichert wird. Der Zementofen, der am Standort Geseke in Nordrhein-Westfalen errichtet wird, soll mit dem Oxyfuel-Verfahren betrieben werden. Das bedeutet, dass die Verbrennung des Energieträgers zur Erzeugung der Reaktionstemperatur von über 1.400 °C mit reinem Sauerstoff anstatt mit Luft erfolgt. Die Inbetriebnahme der Anlage soll Anfang 2029 erfolgen. Dann sollen etwa 700.000 Tonnen CO2 pro Jahr abgeschieden und zur Speicherung unter der Nordsee verbracht werden.
Das Oxyfuel-Verfahren bildet auch die Basis der Dekarbonisierung der Zementherstellung im Werk des Herstellers Holcim in Lägerdorf in Schleswig-Holstein. Hier geht es um eine Abscheidungskapazität von 1,2 Millionen Tonnen CO2 pro Jahr. Wie dem Projektflyer zu entnehmen ist, wird eine industrielle Verwendung des abgeschiedenen Klimagases angestrebt, beispielsweise in der Getränkeindustrie. Die hohe Reinheit des abgeschiedenen Gases soll dies ermöglichen. Neben der vollständigen Abscheidung und Speicherung des unvermeidbaren CO2-Anteils der Zementherstellung sollen über eine Million Tonnen CO2 pro Jahr eingespart werden.
In Wülfrath in Nordrhein-Westfalen will das Unternehmen Lhoist, Hersteller von Kalkprodukten seine größte Produktionsanlage in Europa dekarbonisieren. Dazu wurde das Projekt Everest ins Leben gerufen.
Im Rahmen der Maßnahmen entstehen ein neuer Ofen, ebenfalls mit Oxyfuel-Technologie, und eine CO2-Anscheidungsanlage. Projektpartner für diese Abscheidung ist das Unternehmen Air Liquide, das an diesem Standort seine proprietäre Abscheidetechnologie Cryocap™ FG (Flue Gas) und Cryocap™ Oxy zum Einsatz bringt. Diese Systeme werden zu 100% mit elektrischer Energie betrieben und leisten somit einen weiteren Beitrag zur Dekarbonisierung des Gesamtsystems. Aus den Prozessgasen der bestehenden Öfen und des neuen Ofens sollen in Summe 1,4 Millionen Tonnen CO2 abgeschieden werden. Ebenfalls Bestandteil des Projektes ist die Infrastruktur für die Verflüssigung und Lagerung des Klimagases.




